
Großbritannien kann getrost als Wiege fast aller global bedeutenden Musiktrends bezeichnet werden.
Die Beatles, die
Rolling Stones,
The Smiths,
Iron Maiden oder auch
The Cure markieren jeweils idealtypisch ganze Szenen, Stile, Lebenseinstellungen.
Meist bedeutet ein Bekenntnis zu einer solchen Band deutlich mehr als ein bloßes Bekenntnis zum eigenen Musikgeschmack - The
Rolling Stones (Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts) oder
The Beatles (John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr)? Das ist vielmehr oft als eine Frage des Lebensentwurfs verstanden worden.
In den 90er Jahren entbrannte in "UK" ein weiterer, noch vehementer ausgefochtener Kampf zwischen zwei großen Bands, die erst in und mit dem Konflikt mit der anderen zu solch' monumentaler Größe auswachsen konnte: jener zwischen
Blur (bekanntester Song: "
Who Ho") mit
Gorillaz Sänger Damon Albarn und
Oasis (bekanntester Song: "
Wonderwall") mit Brüdern Noel Gallagher und Liam Gallagher.

Vor allem von den selten wenig gehässigen britischen Musikmedien und flankiert vom Boulevard wurde daraus ein mitunter sehr persönlich ausgefochtener Konflikt zwischen den zwei Hauptvertretern des sogennannten Britpop.
Wie so oft eine Schublade, mit der nahezu alle darin gepackten Bands mächtig unzufrieden zu sein scheinen, betonen sie doch, es gäbe viel deutlichere Unterschiede als Parallelen.
GeschichteBritpop wurde als Begriff erstmals vom britischen Musikmagazin Sounds verwendet und kann in etwa auf das Jahr 1987 datiert werden. Waren bzw. sind
Oasis und
Blur die sichtbarsten und popkulturell wohl einflussreichsten Bands des Britpop, werden meist Namen wie
Radiohead, Ash, Suede, The Verve oder auch
Coldplay genannt.
Auffällig dabei ist, dass meist ein britischer Akzent, ein klarer Hang zur Gitarrenmusik und ein gewisser Popappeal bereits zu genügen schien, um Mitte der 90er als Britpop-Akt bezeichnet zu werden. Dies liegt wohl vor allem darin begründet, dass dieser Slogan in jenen Jahren sicheren kommerziellen Erfolg bedeutete.

Mit über 50 Millionen verkauften Tonträgern und Touren durch die größten Stadien der Welt, verdeutlichen
Oasis als Branchenprimus dabei eindrucksvoll, wie groß der Erfolg auch im Mainstream tatsächlich einzuschätzen ist.
Die Quelle dieses globalen Trends ist dabei, wie in der britischen Musiklandschaft allzu oft, vor allem in und um Manchester zu finden:
Oasis und
The Verve haben sich ebenso wie wichtige Vorläufer wie
The Smiths oder
The Stone Roses hier gegründet.
Die Wurzeln dieser eigentlich heterogenen Masse von kommerziell erfolgreichen Künstlern aus Großbritannien sind neben den "klassischen" Einflüssen von
The Beatles, The Who oder den
Sex Pistols vor allem die Popacts der 80er Jahre.
The Smiths sind hier an erster Stelle zu nennen: Textlich, lyrisch und stilistisch begehrte darin ein junger Morrissey - der nach der Auflösung als Solokünstler bis heute große Erfolge feiert - ohne ein klares Bekenntnis zum sonst so omnipräsenten britischen Klassenkampf zwischen Labour und Tories mit Ironie und bösem Spott auf.
Die Musik vereinte bereits, was die meisten Vertreter des Britpop dann auch auszeichnen sollte: Gitarrenmusik zwischen Pop und Rock, ein weitesgehender Verzicht auf den synthetisch-kalten Sound der düsteren Bands jener Jahre wie
The Cure und
Joy Division und eine gemäßigte Außendarstellung, die zwischen der Radikalität des Punk und dem "Popperflair" der eher konservativ wirkenden Mods nicht entscheiden wollte.
Nachdem Anfang der 90er Jahre die Grungebewegung das next-big-thing darstellte und mit Rotzigkeit, Weltschmerz und selbstzerstörerischer Attitüde die Charts in den USA und Europa dominierte, entwickelte sich in Großbritannien quasi als Gegenbewegung gegen diesen und unter Rückbesinnung auf die ehemalige Vormachtstellung britischer Musikkultur schließlich der Britpop.

Zitierte er zwar erkennbar meist die Musik der Beatles, wie bei
Oasis überdeutlich und lehnte er sich sichtbar an die postmodern-ironischen Eskapaden von The Smiths' an, so erlangte erst mit
Blur und
Oasis die britische Popmusik wieder echten kommerziellen Erfolg mit dem Label eines "typisch britischen" Musikstils.
In den goldenen Jahren des Britpop von 1994-1995 bestimmte der Britpop zusammen mit den letzten Zuckungen des Grunge das Musikgeschehen. Zwar blieb es auch danach beim kommerziellen Erfolg, aber die Schublade Britpop wurde zu einer unter vielen und versprach nicht mehr höchste Innovation.
Die Bands selbst zeigten sich immer ablehnender dem Wort gegenüber und die gleichzeitige Einordnung von so grundverschiedenen Bands wie den überaus experimentellen und intellektualistischen Radiohead, den eher amerikansch klingenden Collegerockern von
Ash oder den bald zu den Superstars des sanften Rocks aufsteigenden Coldplay sprengte längst den Rahmen: Britpop war zum bloßen Werbestempel geworden.
Zur derzeitigen Lage des BritpopVon den zwei großen Bands des Britpop haben sich
Oasis unlängst aufgelöst und Blur haben die altbwährten Pfade zu Gunsten experimentellerer, elektronischer Musik verlassen.
The Verve mit Sänger/Songwriter Richard Ashcroft, die mit "
Bitter Sweet Symphony" einen echten Hit hatten (der unverhohlen ein altes Interlude von den
Rolling Stones zitierte), haben sich vor kurzem wiedervereinigt. Eine Renaissance des Britpop erscheint jedoch auch hiermit unwahrscheinlich.
Nichtsdestotrotz hat Großbritannien seitdem wieder einen ungebrochen großen Einflussbereich in Sachen Musikkultur: Bands wie
The Kooks, Franz Ferdinand, The Libertines,
Babyshambles, Editors und die
Kaiser Chiefs sind nur einige Beispiele hierfür, gleichwohl ihre Parallelen zum klassischen Britpop mitunter marginal sind.
Vielmehr handelt es sich hier um einen Beleg für die Anreicherung moderner populärer Musik mit unterschiedlichsten Musikstilen: Postpunk, New Wave, Indierock, Elektro und eben Einflüsse des Britpop finden sich gleichermaßen und machen eine klare Abgrenzung zunehmend schwierig.